Erinnerung an die wichtigen Dinge
Einnern oder Vergessen?
Gemütlich sitzen die Kinder auf runden Kissen im Kreis im "Ausguck" des Friedrichshafener Medienhauses und lauschen aufmerksam der Geschichte von Christopher und seiner Mama. Sie muss alles alleine machen, weil Papa nicht mehr da ist. Irgendwann packt sie Papas alte Sachen in eine Kiste, um sie auf den Trödelmarkt zu bringen. Aber wie durch ein Wunder taucht ein Stück nach dem anderen wieder auf: die Kaffeetasse mit dem Sprung, alte Schuhe, ein grüner Schlapphut und sogar das Glas mit dem Goldfisch. "Ich wollte mich erinnern", sagt Christopher, der die Sachen heimlich wieder nach Hause geholt hat. "Und ich wollte vergessen", meint die Mama.
Kinder basteln Erinnerungskiste
Die Kinder im "Ausguck" nahmen es mit großer Selbstverständlichkeit hin, dass Christophers Papa nicht mehr da ist und es leuchtete ihnen ein, wie wichtig die Erinnerung ist. Gern bastelten sie sich eine Erinnerungskiste. Lesementorin Jeanette Schild-Rauch und Koordinatorin Christiane Röhner vom ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst AMALIE unterstützten die Kinder bei der Auswahl von bunten Federchen, kuscheligem Pelzstoff, Treibholzstückchen, bunten Glitzersteinchen, Muscheln und Wolle. Eifrig beklebten sie ihre Kistchen mit dem Material, das das Friedrichshafener Spielehaus zur Verfügung gestellt hat. "Weißt du schon, was in deine Erinnerungskiste kommt?", fragte Jeanette Schild-Rauch. Aber die Kleinen hatten noch keinen konkreten Schatz für ihre Kiste im Sinn. Dafür wussten sie auch noch eine Stunde später, warum es für Christopher so wichtig war, die Sachen seines Papas zurück zu holen. "Er wollte sich erinnern", erzählte ein Junge, nahm seine Erinnerungskiste unter den Arm und verließ an der Hand seiner Mama den "Ausguck".
Umgang mit einem Tabuthema
Den deutschlandweiten Tag der Kinderhospizarbeit nahm auch die vor zwei Jahren gegründete AMALIE zum Anlass, ihre Arbeit an einem Info-Stand im Medienhaus der Öffentlichkeit vorzustellen. Deutschlandweit leben rund 22 600 Kinder mit einer verkürzten Lebenserwartung. Im Bodenseekreis und im Landkreis Ravensburg unterstützt der Kinder- und Jugendhospizdienst der Stiftung Liebenau und des Malteser Hilfsdienstes aktuell vier Familien, in denen ein Kind lebensbegrenzt erkrankt ist oder die ein Elternteil verloren haben. Ab dem Zeitpunkt der Diagnose bis über den Tod hinaus begleiten geschulte Ehrenamtliche die betroffenen Familien. "Auch an so einem Tag wie heute stellen wir fest, dass Tod und Sterben für viele Erwachsene ein Tabuthema ist. Kinder gehen wesentlich unbefangener damit um", sagt Christiane Röhner. Häufig wollen die Eltern die Geschwister beschützen und halten von ihnen fern, dass zum Beispiel der Bruder nur noch kurze Zeit zu leben hat. "Das macht ihnen jedoch noch mehr Angst, da sie ja spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist."
AMALIE unterstützt Familien im Alltag
Bei der Arbeit von AMALIE gehe es weniger darum, Fragen nach dem Warum in der belastenden Situation zu beantworten, und ausschließlich das schwerstkranke Kind zu begleiten. Vielmehr sind es oft die ganz alltäglichen Dinge, für die den Eltern die Zeit oder die Kraft fehlen: die Geschwister zum Fußballtraining fahren, bei den Hausaufgaben helfen, mit dem kranken Kind spielen, bei Behördengängen unterstützen und Entlastung im täglichen Leben geben. "Lachen und Freude haben aber trotz allem Leid Platz in den Familien", weiß Christiane Röhner.
Ausbildung für Ehrenamtliche
Aktuell qualifiziert AMALIE die zweite Gruppe Ehrenamtlicher in einem 100-stündigen Seminar. Davon werden 40 Stunden in einer Einrichtung, zum Beispiel für Kinder mit Behinderung, geleistet. Regelmäßig treffen sich die Ehrenamtlichen zum Austausch und zur Supervision. Der Kinder- und Jugendhospizdienst ist für die Familien kostenlos. Aus diesem Grund ist AMALIE auf Spenden angewiesen.
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