Ein guter Tag heißt, mittendrin zu sein

 

Marlene Kriszke wohnt in Liebenau. Ihre blauen Augen wirken ausgesprochen lebendig: Offenbar nehmen sie vieles wahr, was in der Umgebung passiert. Meist erzählt ihr Gesichtsausdruck vom eigenen Befinden. Manchmal ihre Gesten. Verbal dagegen kann sie sich nicht mitteilen. Die durch ihre Behinderung stark eingeschränkte Frau verbringt den Tag im Förder- und Betreuungsbereich (FuB) der St. Gallus-Hilfe in Liebenau, zusammen mit neun Beschäftigten und zwei Mitarbeitern. Marlene Kriszke ist mittendrin.

Eine Betreuerin holt Marlene Kriszke im Rollstuhl jeden Morgen auf der Wohngruppe ab. Meist ist sie in Begleitung eines oder mehrerer Beschäftigten. Wenn sie um 10 Uhr bei der Gruppe ankommt, hat Marlene Kriszke nicht selten schon mehrere leichte epileptische Anfälle erlebt. Dann bleibt offen, wie ihr Tag verlaufen wird. Manchmal kann sich die kleine Gruppe für den Weg zum FuB etwas Zeit lassen. Bisweilen geht es ins Liebenauer Landleben, um Kleinigkeiten einzukaufen: Zutaten für Waffeln, Obst für eine Zwischenmahlzeit oder Bananen für Marlene Kriszke.

Nach der Begrüßung im FuB hebt ihre Betreuerin sie mit dem Lifter in das Pflegebett. Sie benötigt die Hilfe einer Kollegin, denn die 30-Jährige kann ihren Kopf nicht eigenständig halten. Das Pflegebett steht zentral in der Beschäftigungsgruppe, wo tagsüber zehn Menschen betreut und gefördert werden. Über Marlene Kriszkes Bett hängt ihr persönlicher Sinnesbaum. Mit eigenen Bewegungen verschafft sie sich anregende Reize, bringt die farbenprächtigen Blumen zum Hüpfen und die Glöckchen zum Klingen. Manchmal schaut sie auf dem Tablet-Computer Filme oder Fotos an.

Tagesablauf und Pflege
Kurz vor Mittag bekommt Marlene Kriszke fein passiertes Essen. Sie bevorzugt deftige Gerichte, zum Beispiel Nudeln mit Fleisch oder Gemüse. Wenn es ihr schmeckt, ist ihr Teller in Windeseile leer. Dank Smoothfood kann sie auch unterschiedliche Zwischenmahlzeiten essen, abwechslungsreiche Geschmackerlebnisse inbegriffen.

Nach dem Mittagessen sondieren die Mitarbeiter Marlene Kriszke mit Flüssigkeit, denn sie hat Schwierigkeiten mit dem Schlucken. Spätestens nach dem anschließenden Wechsel der Windel ist sie erschöpft. Während die anderen nebenan zu Mittag essen, ist es still um sie. Sie kann ihre Mittagsruhe genießen.

Willkommene Reize

Inzwischen ist es Nachmittag. Die Sonne scheint. Es ist warm. Marlene Kriszke wird im Pflegebett auf die Terrasse geschoben. Ihr Blick ist gebannt vom tanzenden Schatten der Laubblätter auf der Markise. Ihre Betreuerin spricht mit ihr und massiert ihr die Hände. Der Duft verschiedener Öle ist zu riechen.
Marlene Kriszke scheinen die vertrauten Menschen, Geräusche und Abläufe innerhalb der Beschäftigungsgruppe am wichtigsten. Selbstverständlich ist bei zehn Beschäftigten und zwei Mitarbeitern immer was geboten. Kommt es vor, dass sich Beschäftigte streiten, verfolgt sie auch diese Situationen aufmerksam und interessiert. Für sie gilt: je lebhafter, desto besser.

Mittendrin sein
Eine Stunde vor Feierabend muss sich die junge Frau noch einmal richtig anstrengen. In einem Stehständer gesichert, soll sie etwa 20 Minuten mit dem Aufrechtstehen durchhalten. Das Training hilft, die Muskulatur zu erhalten, die aufrechte Haltung zu schulen, eine andere Perspektive einzunehmen und den Kreislauf in Schwung zu bringen. Marlene Kriszkes Gesicht verrät: Diese Anstrengung ist harte Arbeit.

Um 16 Uhr holt eine Kollegin aus der Wohngruppe die 30-Jährige ab. Die Mitarbeiter tauschen sich kurz aus, die Gruppe verabschiedet sie bis zum nächsten Tag. Zum Leben im FuB gehört Marlene Kriszke ganz selbstverständlich dazu. Alle zusammen ermöglichen ihr, dass sie jeden Tag dabei sein kann. Und dass viele Tage gute Tage werden.

Der Weg zum FuB führt manchmal übers Liebenauer Landleben, wo kleine Einkäufe getätigt werden.
Marlene Kriszke verbringt den Tag im Förder- und Betreuungsbereich in Liebenau: Morgens wird sie aus der Wohngruppe abgeholt.
Marlene Kriszke kann sich verbal nicht mitteilen: Ihr Gesicht verrät viel über ihr Befinden
Um die junge Frau ins Bett zu heben, benutzen Melanie Kraus (li.) und Doris Kaiser (Leiterin des FuB) den Lifter. Die Mitarbeiterinnen sind während des Tages für die Pflegetätigkeiten verantwortlich.
Beim Liften muss eine Mitarbeiterin den Kopf der jungen Frau stützen. Sie kann ihn selbst nicht halten.
Bei schönem Wetter verbringt Marlene Kriszke Zeit auf der Terrasse. Bei der Handmassage von Gabriele Löffler entspannt sie spür- und sichtbar.