Inklusion: so „leicht“ wie Theaterspielen

Noch sind es unfertige Einzelszenen, und was am Ende bühnenreif sein wird, ist gänzlich offen. Nur eins ist gewiss: Alle sind gemeinsam am Werk, wenn Beschäftigte der Werkstatt Rosenharz der Stiftung Liebenau Teilhabe mit Schülern des Bildungszentrums Bodnegg ihr Theaterstück entwickeln und einstudieren. Der Titel „Gemeinsam unterwegs – Gemeinsam wachsen“ der Bodnegger Schule passt zum Theaterspiel ebenso wie zum Thema Inklusion.

 

Ohrenbetäubend ist der Lärm. Der Sound aus dem Player dringt kaum durch. Die Schläge von Holz auf Holz übertönen alles. Streit und Stänkerei beherrschen die Stimmung. Als nach dem Stockkampf Ruhe einkehrt, stellt sich der Schülergruppe die Frage nach einem passenden Schluss des Streits. Die Vorschläge der Schüler: Jemand ist getroffen, einer schreit. Bloß wie? Man einigt sich auf einen lauten Schrei. Ahmad Mansour übernimmt ihn. Beim nächsten Übungsdurchgang fallen die Stöcke am Ende tanzend und tosend auf den Boden. In einem anderen Raum üben die Rosenharzer mit einigen Schülern einen Tanz. Nur schwer lassen sich die „Jungs“ zum Tanz überreden. Denn: „Jungs spielen lieber Fußball und prügeln sich auch mal“, erzählt Florian Lackinger von den Rosenharzern grinsend. „Mädchen lackieren sich die Nägel und schminken sich.“ Nur mit dem Versprechen, anschließend gemeinsam pantomimisch Traktor zu fahren, sind die Jungs zum Tanz bereit. Bei der imaginären „Fahrt“ ist Florian ganz vorn. Dass er Spaß und Freude beim gemeinsamen Spiel empfindet, sieht man ihm an.

Gemeinsam am Werk
Der 21-Jährige arbeitet in der Werkstatt in Rosenharz und hat sich spontan zu der Theater-AG angemeldet. Hier treffen sich Rosenharzer und Bodnegger Schüler ein Schuljahr lang einmal die Woche. In der Zeit entwickeln sie gemeinsam mit den Lehrerinnen Tanja Joseph und Sandra Baumgärtner ein Theaterstück und auch die Choreografie. Als Frau vom Fach ist Jutta Klawuhn, Schauspielerin am Theater Ravensburg und Theaterpädagogin, mit dabei. Unterstützt wird die AG von der Kooperative Berufsorientierung (KooBO), die vom Europäischen Sozialfonds gefördert wird. Über KooBO wollen die IHK und die Handwerkskammer Nachwuchs für Berufe interessieren. In Bodnegg ist es eben kein Betrieb, sondern das kreative Angebot Theater, wie die Vertreterin Cecile Bardua erläutert.

Motivation selbstverständlich
Für manchen der Schüler und für manche Lehrerin war der Kontakt zu Menschen mit Behinderung zunächst ungewohnt: Vor der eigentlichen Theater-Arbeit musste daher anfängliches Befremden überwunden werden. Schulhund „Fred“ schlug die Brücke: Gemeinsame Spaziergänge mit ihm und der Besuch bei den Tieren in Rosenharz machten es den Teilnehmern leicht, aufeinander zuzugehen und Berührungsängste abzubauen.

„Viele Mädchen kennen wir schon“, erklärt Florian. Und von Ahmad, dem syrischen Jugendlichen, ist er irgendwie beeindruckt. Mit ihm unterhält er sich zwischendurch zum Beispiel über Filme. „Florian macht eigentlich alles gern“, schildert Jutta Klawuhn seine positive Motivation. Die Lehrerinnen schwärmen von den Emotionen, die die Rosenharzer unverblümt zeigen, und die auf alle ansteckend wirken. Aber grundsätzlich – egal ob Schüler oder Rosenharzer Beschäftigte – braucht es durchaus auch Fingerspitzengefühl und entsprechende Unterstützung: Die einen wollen einen Text auf dem Papier, die anderen überhaupt nicht. Die Theaterpädagogin und die Lehrerinnen achten darauf, jeden auf seine Weise mitzunehmen.

Einzelne Szenen werden ein Ganzes
Mit jeder Probe entwickelt sich das Stück: Szenen werden vertieft oder neu entwickelt. Die Aufgabe ist es, sie zu einem Stück zusammenzufügen. Für das Theaterstück, das zum Schuljahresende zur Aufführung kommen soll, werden voraussichtlich auch andere Schul-AGs einen Teil beitragen. Die Entwicklung ist in vollem Gange. Theaterspielen scheint so anspruchsvoll wie Inklusion an sich. Sandra Baumgärtner meint: „Man muss dem Prozess vertrauen.“ Jutta Klawuhn ergänzt: „Theater ist nicht ein Monolog.“ Beides gilt auch für Inklusion.

Florian Lackinger von der Werkstatt in Rosenharz, ist mit „viel Freude“ beim Theaterspielen: Gemeinsam Traktor fahren bereitet ihm Freude, seinen Mitfahrern auch.
In kleineren Gruppen werden von den Schülern und den Werkstatt-Beschäftigten viele unterschiedliche Szenen einstudiert: Sie werden nach und nach alle zu einem Theaterstück zusammengefügt.
Schüler der Schule Bodnegg und Beschäftigte entwickeln gemeinsam ein Schuljahr lang ein Theaterstück, das sie am Ende des Schuljahres aufführen wollen. Der Stockkampf ist eine der Szenen.
Die Mädchen tanzen, die Jungs tanzen mit.
Auch Traktor fahren wird im Stück seinen Platz finden. Wo, ist noch offen.