10.09.2015

Hoher Hilfebedarf - na und?
WG inmitten einer Kleinstadt

Den eigenen Interessen nachgehen, sich mit anderen Menschen austauschen oder ganz einfach „sein Ding machen“: Für viele Menschen ist das „normal“. Der Begriff dafür ist „Teilhabe“. Doch wie sieht Teilhabe aus bei Menschen, die auf vielerlei Unterstützung angewiesen sind, um ihr Leben zu leben? In Markdorf gelingt Teilhabe schon in vielen Bereichen.

Jeden Donnerstagvormittag genießen Jochen Gerz* und Renate Seitz* das halbstündige Orgelkonzert in der Katholischen Kirche. Beide sitzen im Rollstuhl, Susanne Maier* und die zwei Begleiter in den Kirchenbänken. Sie lauschen der Musik, lassen sich ergreifen. Bei schönem Wetter besuchen die drei Bewohner der Biberacherhofstraße mit ihren zwei Begleitern anschließend den Wochenmarkt.

Highlight: Marktwurst

Ein Highlight dort: die wöchentliche Marktwurst, die Jochen Gerz besonders genießt. Aufgrund seiner schweren Behinderung hat er einen hohen Unterstützungsbedarf. Er ist aber mit allen Sinnen präsent und weiß was er will. An dem sonnigen Morgen dreht der 53-Jährige immer wieder neugierig den Kopf zu einer Gruppe älterer Menschen, die ebenfalls im Rollstuhl sitzen. Passanten grüßen die Gruppe, einzelne bleiben für einen kurzen Plausch stehen. Renate Seitz, die über eine Sonde ernährt wird, streckt indes genießerisch ihr Gesicht der Sonne entgegen.

Das Haus inmitten der Stadt

Die drei Menschen mit schwerer geistiger und körperlicher Behinderung leben seit einigen Jahren inmitten von Markdorf, einer Kleinstadt mit 13500 Einwohnern in Bodenseenähe. Nur wenige Gehminuten ist ihr Wohnhaus in der Biberacherhofstraße vom Stadtzentrum entfernt. Insgesamt leben 20 Menschen mit Behinderung in dem modernen Gebäude, das von der Stiftung Liebenau gebaut wurde und von der St. Gallus-Hilfe im Betrieb verantwortet wird. In verschieden großen Wohngruppen hat jeder sein eigenes Zimmer. Ein individueller Tagesablauf ist selbstredend. Das Haus ist behindertengerecht ausgestattet und besitzt Pflegebäder, was auch die Pflege von Jochen Gerz und Renate Seitz erleichtert.

Bewohner versorgen sich selbst

Die anderen Bewohner gehen tagsüber zur Arbeit in die Werkstatt für Menschen mit Behinderung der Liebenauer Arbeitswelten in Markdorf. Ein Mann arbeitet in Ravensburg. Ein Bewohner, der in Markdorf aufgewachsen ist, ist schon viele Jahre auf dem ersten Arbeitsmarkt bei einer ortsansässigen Firma angestellt.
In der Freizeit kümmern sich die Bewohner und die Mitarbeiter selbst um alltägliche Aufgaben und Pflichten, wie Aufräumen und Putzen, Altglas wegbringen oder Rasen mähen. „Wir gehen fast täglich Einkaufen“, schildert Johannes Brugger, ein Mitarbeiter. Das Essen wird frisch zubereitet, die Gruppen versorgen sich selbst. Die Bewohner mit schwerer Behinderung werden immer in die täglichen Pflichten eingebunden. Im Supermarkt sind die Leute aus der Biberacherhofstraße bekannt, ebenso in der Bäckerei. Im Verlaufe der Woche hat jeder seine eigenen teilweise festen Termine. Jochen Gerz, Renate Seitz und Susanne Maier bekommen zum Beispiel regelmäßig Krankengymnastik oder Ergotherapie.  

Individuelle Interessen

Kunterbunt gemischt sind die Bewohner in der Biberacherhofstraße. Einerseits bilden sie eine Gemeinschaft. Andererseits hat jeder seine eigenen Interessen. Die kann in Markdorf jeder gut leben. Da wären etwa die zwei Bewohner, die fest im Fußballverein kicken. Oder Dagmar Kreutzer*. Sie ministriert regelmäßig ein bis zweimal im Monat. Meistens wird sie von anderen Ministranten oder Kirchenbesuchern abgeholt, obwohl sie den Weg zur Kirche alleine zurücklegen kann. Das Training mit den Mitarbeitern hat bewirkt, dass sie auch eigenständig kleinere Einkäufe erledigen kann. Mithilfe von Piktogrammen auf ihrem Smartphone findet sie die benötigten Dinge im Supermarktregal. Zusammen mit einer Freundin besucht sie die sommerlichen Platzkonzerte in Markdorf.
Peter Weiß* und Manuela Bär* sind ein Paar seit sie in dem Haus leben. Beide gehören zu den ersten Bewohnern des Hauses, das vor fast zehn Jahren bezogen wurde. Wenn es in der Kirchengemeinde was zu feiern gibt, hilft Peter Weiß. Er kümmert sich um die Gläser und hilft in der Spülküche. Steht eine Firmung ins Haus, dann wird er persönlich vom Pfarrer um Mithilfe gebeten. Norbert Alber* spielt leidenschaftlich gern Schach. Freitags wird er von einem Mitglied des Schachclubs abgeholt. Männer und Frauen treten dann in einem nahegelegenen Gasthof gegeneinander an. Oft wird es Mitternacht. Alber ist ein ebenbürtiger Gegner in der Runde.

Teilhabe erwächst aus vielen Bausteinen

Wer ausgeht, benötigt auch Geld. Einige Bewohner besitzen eine EC-Karte, mit der sie eigenständig Geld vom Automaten holen können. Andere haben ein Sparbuch. Am Schalter wird der gewünschte Geldbetrag auf einer Karte freigeschaltet und kann dann am Automaten abgehoben werden. „Der persönliche Kontakt steht bei der Teilhabe immer im Vordergrund“, schildert Michael Metzger, der Verantwortliche in der Biberacherhofstraße. Um Eigenständigkeit und Teilhabe zu ermöglichen sei es daher auch wichtig, dass in den Kleinstädten Einrichtungen wie Bank-Filialen erhalten bleiben.
Auch Ärzte, Apotheken, Geschäfte, Cafés und Kirchen, die nahegelegen und gut erreichbar sind, sind eine wichtige Basis. Wichtig ist die Unterstützung durch Mitarbeiter und Ehrenamtliche sowie Kontakte und die sich daraus ergebende Einbindung in die soziale Gemeinde, damit Menschen – auch mit einem hohen Unterstützungsbedarf – inmitten einer Gemeinde leben können.

* Namen von der Redaktion geändert

Nähere Informationen:

Sozialdienst der St. Gallus-Hilfe
Tel.: 07542 10-2023
sozialdienst@st.gallus-hilfe.de

Mitten in der Stadt Markdorf lässt es sich gut leben, auch für Menschen mit Behinderung. Die WG der St. Gallus-Hilfe zeigt, dass Inklusion gelingen kann.

Die Marktwurst gehört zu den Highlights beim Marktbesuch.

Donnerstags horchen einige Bewohner der Biberacherhofstraße aufmerksam dem Orgelkonzert in der Katholischen Kirche in Markdorf.