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09.12.2011

Begleitete Elternschaft: St. Gallus-Hilfe möchte Pflegefamilien gewinnen

RAVENSBURG - Anklang an die vorweihnachtliche Herbergssuche: Unter dem Motto "Begleitete Elternschaft – Leben in Gastfamilien" möchte die St. Gallus-Hilfe der Stiftung Liebenau derzeit Familien gewinnen, die eine Mutter mit Behinderung und ihr Kind bei sich aufnehmen können und wollen. "Die Familien bekommen eine intensive fachliche Begleitung und ein angemessenes Betreuungsgeld", versichern Regine van Aken als Projektverantwortliche und Andreas Liehner, Teamleiter Betreutes Wohnen (BWF) der St. Gallus-Hilfe in Ravensburg.


Deutlich mehr Schwangerschaften

Behinderung und Schwangerschaft – geht das zusammen? Lange Zeit war dieses Thema wenig präsent in der öffentlichen Wahrnehmung, doch mit der Diskussion um Normalität und den entsprechenden Entwicklungen in der Behindertenhilfe ist es stärker ins Blickfeld gerückt. Erst recht, als das neue Betreuungsgesetz 1992 die Hürden für eine Sterilisation spürbar erhöht hat. "Es gibt seitdem deutlich mehr Schwangerschaften", sagt Regine van Aken, "und auch gehäufte Anfragen nach betreutem Wohnen in Familien."

Mit dem Kind zusammenleben

Anfragen, wie die einer 24-Jährigen Frau, die eine leichte geistige Behinderung hat und derzeit mit ihrer eineinhalbjährigen Tochter in einer Mutter-Kind-Einrichtung lebt. Diese kann die beiden allerdings nicht entsprechend betreuen, da sie nicht auf Frauen mit Behinderung ausgerichtet ist. Deshalb sehnt sich die junge Mutter nach der Geborgenheit und Unterstützung einer Familie. Denn eines steht sie fest: Sie will auf jeden Fall dauerhaft mit ihrem Kind zusammenleben.

Der Bedarf ist gegeben

Sieben Mütter und ihre Kinder betreuen Regine van Aken und ihre Kolleginnen im Rahmen der begleiteten Elternschaft derzeit. Fünf leben zusammen mit ihrem Kind in Pflegefamilien, in zwei Fällen sind Mütter und Kinder in verschiedenen Familien untergebracht. Doch der Bedarf ist weit größer: Immer wieder fragen Einrichtungen aus ganz Oberschwaben und dem Bodenseeraum, aber auch aus Augsburg, München oder Nürnberg bei der St. Gallus-Hilfe an. "Im süddeutschen Raum gibt es, anders als in Norddeutschland, kaum Betreuungsmöglichkeiten für diese Frauen und ihre Kinder", beschreibt Regine van Aken die Situation. Hier Lösungen zu schaffen und Hilfe anzubieten, ist das Anliegen des Projektes.

Mütter sind oft überfordert

Die Mütter, die sie gerne in Pflegefamilien vermitteln würde, haben in der Regel eine leichte geistige Behinderung oder sind lernbehindert. Die allermeisten Kinder dagegen sind gesund, sagt die Projektverantwortliche. Ohne Unterstützung sind sie in ihrer Entwicklung jedoch größeren Risiken ausgesetzt. Viele der jungen Mütter seien überfordert mit der Aufgabe, ihr Kind allein und selbstverantwortlich zu erziehen.

Rollenvielfalt wartet

Die Pflegefamilien, die die St. Gallus-Hilfe nun sucht, erwartet eine "herausfordernde Tätigkeit": Sie sollten nicht nur ausreichend Wohnraum zur Verfügung haben und Zeit für ihre Aufgabe mitbringen, sondern vor allem die Pflegemütter müssen sich zudem einer Rollenvielfalt stellen, wie es Regine van Aken ausdrückt. Sprich, sie sollten offen, humorvoll und kreativ sein, Konflikte durchstehen können, immer das Kindeswohl im Auge behalten und die Gratwanderung zwischen Eingreifen und Zutrauen in die Fähigkeiten der jungen Mutter bewältigen. Und, nicht zuletzt, all dies mit den Bedürfnissen ihrer eigenen Familien in Einklang bringen.

Das Zusammenleben funktioniert

Wie gut dies im Alltag klappen kann, zeigt Familie Müller*. Im Frühjahr hat sie die lernbehinderte Sarah* mit ihrem kleinen Sohn Paul* in ihrer Einliegerwohnung im Raum Ravensburg aufgenommen. Vorangegangen waren ein Informationsgespräch, die standardisierte Familienprüfung, ein Treffen beider Familien samt vereinbarter Bedenkzeit sowie die Bewilligung durch das Jugendamt als zuständigem Kostenträger. Als Sarah und Paul schließlich einzogen, bedeutete das für die Müllers und ihre drei Kinder zwischen zehn und 17 Jahren eine spürbare Umstellung – denn Sarahs Verhalten war anfangs durchaus gewöhnungsbedürftig. Doch Einfühlungsvermögen und Konsequenz hatten Erfolg: Heute gehören die beiden zur Familie, die großen Jungs nehmen den kleinen Paul mit auf den Fußballplatz, und Sarah findet bei den Müllers nicht nur Unterstützung, sondern auch die Freiräume, die sie braucht.

Fachleute begleiten intensiv

An dieser und anderen Erfolgsgeschichten haben auch die Fachleute des betreuten Wohnens in Familien ihren Anteil. "Wir begleiten das ganze 'System' sehr intensiv", sagt Andreas Liehner. Regelmäßig werden die Familien besucht, anfangs zwei bis drei Mal die Woche, schließlich soll ein Vertrauensverhältnis zu Müttern und Pflegemüttern entstehen. Gemeinsam werden therapeutische Ansätze, Arbeits-, Freizeit- und Fördermöglichkeiten für Mutter und Kind ausgelotet, bis ein Rundum-Paket geschnürt ist. "Da ist hoher persönlicher Einsatz und fachliche Kompetenz nötig", macht der Diplom-Sozialarbeiter klar.

Inklusion ist möglich

Was Regine van Aken und Andreas Liehner am Projekt "Begleitete Elternschaft - Betreutes Wohnen in Familien" ganz besonders wichtig ist, formulieren die beiden so: "Dieses Angebot ermöglicht Integration mitten in Gesellschaft, Familie, Nachbarschaft und stellt einen hohen Beitrag zu einer inklusiven Gesellschaft dar." 

Ein sozialpolitischer Aspekt, ganz im Sinne der 2008 in Kraft getretenen UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen: Allen Menschen soll demnach von vornherein die Teilnahme an allen gesellschaftlichen Aktivitäten auf allen Ebenen und in vollem Umfang ermöglicht werden. Dass dazu auch Sexualität, Verhütung und Schwangerschaft gehören, werde in der St. Gallus-Hilfe durchaus thematisiert, bestätigen Liehner und van Aken. Wo Partnerschaften von Menschen mit einer Behinderung als erwünscht und der Normalität entsprechend betrachtet werden, muss auch die Gesellschaft ihren Beitrag zum Gelingen leisten. Nur so kann die UN-Konvention mit Leben erfüllt und die Herbergssuche erfolgreich sein. 

Kontakt: 

 

Betreutes Wohnen in Familien
Region Bodensee-Oberschwaben
Friedhofstraße 11, 88212 Ravensburg
Regine van Aken, Telefon 0751 977123106, bwf-ravensburg@st.gallus-hilfe.de 

 

 


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