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04.06.2012

Hegenberger Jugendliche besuchten Gedenkstätte Grafeneck

HEGENBERG – Zwölf Jugendliche mit Lernbehinderung oder leichter geistiger Behinderung aus Hegenberg fuhren vergangene Woche nach Grafeneck zur Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie während der Nazi-Diktatur. Sie informierten sich im Dokumentationszentrum und erfuhren in der Erinnerungs- und Mahnstätte mehr über den Tod von über 10 600 Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung.


"Ich bin echt froh, dass ich jetzt lebe"

Eine Woche nach der Fahrt nach Grafeneck denkt Sebastian K.* immer noch häufig an den Tag und es fällt ihm nicht leicht, seine Eindrücke in Worte zu fassen. "Es ist einfach traurig, dass hier so viele Menschen gestorben sind", sagt der 14-Jährige. Bereits zum zweiten Mal fuhren Jugendliche, die in Wohngruppen der St. Gallus-Hilfe in Hegenberg und Ravensburg leben, in den kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb. Stark – schwach, lebenswert – nicht lebenswert, nützlich – unnütz. Das waren die Kategorien, in die die Menschen zur Zeit der Nazi-Herrschaft eingeteilt wurden.

Schon leichtes Anderssein reichte

Die jungen Besucher erfuhren während einer Führung, dass den Angehörigen Todesursachen wie Lungen- oder Rippfellentzündung mitgeteilt wurden. "Ihnen wurde bewusst, wie hinterhältig und perfide das ganze System war", berichtet Heilpädagoge Stephan Becker, der mit zwei Kollegen die Jugendlichen begleitete und die Fahrt vorbereitete. Nachdenklich habe die Jugendlichen auch gemacht, dass längst nicht alle Opfer schwere geistige oder körperliche Behinderungen hatten. Auch eine psychische Erkrankung oder Alkoholismus konnte den Tod bedeuten.

"Wenn ich damals gelebt hätte, wäre ich bestimmt unter den Opfern gewesen", meint der 19-jährige Jonathan F.*, der schon zum zweiten Mal in Grafeneck war. Sein Handicap ist Asperger Autismus. "Ich bin echt froh, dass ich jetzt lebe und nicht damals." Umso wichtiger sei es, dass Grafeneck als Gedenkstätte erhalten bleibe und Menschen erklärt bekommen, was damals passiert ist.

Gerne leben - trotz Einschränkungen

Im Namensbuch blätterten die Jugendlichen und fanden Ortsnamen wie Liebenau und Pfingstweid, aus denen die Opfer stammten. "Auch für uns als Pädagogen sollten Orte wie Grafeneck eine Mahnung sein, das eigene Handeln immer wieder zu überdenken. Steht tatsächlich die Person an erster Stelle?", so Stephan Becker. Ein wichtiges Fazit für die Gruppe war, dass sie trotz ihrer Einschränkung gerne leben. "Sie haben vielleicht Schwierigkeiten in der Schule oder können nicht so gut laufen, aber sie haben oft viel Spaß am Leben. Ein behindertes Leben bedeutet nicht automatisch ein leidvolles Leben", fasst Becker den wichtigen Gedanken in Worte.

*Namen von der Redaktion geändert

 


 

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Eine Gruppe von Jugendlichen mit Handicap, die in Wohngruppen der St. Gallus-Hilfe leben, besuchten die Gedenkstätte für Euthanasieopfer in Grafeneck.

Im Namensbuch der Opfer in Grafeneck entdeckten die Jugendlichen ihnen bekannte Ortsnamen wie Liebenau und Pfingstweid.