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16.06.2014

Jugendliche auf der Spur der Erinnerung

MECKENBEUREN-LIEBENAU - „Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg wird steinig und schwer.“ Dieses Lied, mit dem sich die deutsche Nationalelf auf die Fußball-WM 2006 eingestimmt hatte, gab das Motto vor, für eine besondere Wanderung: Sieben Jugendliche aus dem Fachbereich Kinder, Jugend und Familie der St. Gallus-Hilfe (Stiftung Liebenau) gingen gemeinsam mit Mitarbeitern von Meckenbeuren nach Grafeneck auf der schwäbischen Alb, zur dortigen Gedenkstätte der Euthanasieopfer.

Lebendige Erinnerungskultur

Im Vorfeld hatte die Gruppe über die geschichtliche Entwicklung und die Entstehung von Mordfabriken diskutiert. „Das ist unglaublich, dass sowas passiert ist. Das hätte ja auch mich treffen können, wenn ich damals gelebt hätte“, äußerte sich ein Jugendlicher betroffen. Im Sinne einer lebendigen Erinnerungskultur, zur Verhinderung solcher Verbrechen in der Zukunft, wurde die Tour geplant. Im Gepäck hatte jeder Teilnehmer ein Bild von Theodor Kynast, einem jungen Mann, der in Grafeneck ermordet wurde.

Ausstellung zum Gedenken

Auf der Strecke nach Grafeneck liegen viele Orte, die Opfer der Euthanasie zu beklagen haben: Liebenau, Weissenau, Bad Schussenried, Ingerkingen und Zwiefalten. Die erste Etappe führte von Bad Schussenried nach Ingerkingen. Im Kinder- und Jugenddorf Ingerkingen wurde die Gruppe herzlich empfangen und bestens versorgt. Birgit Janson, Psychologin in Ingerkingen, zeigte eine Ausstellung, die an die Opfer erinnert. „Dass sie ermordet wurden, konnten wir nicht verhindern, dass sie durch unser Vergessen endgültig sterben, schon!“

Wo fängt Ausgrenzung an?

Am nächsten Tag ging es weiter mit dem Bus nach Hayingen, dem Startpunkt der zweiten Etappe. Trotz müder Knochen und wunder Füße war sich die Gruppe einig: „Man muss auch mal über den eigenen Schatten springen und was durchziehen.“ Unterwegs war Gelegenheit, eine Tropfsteinhöhle mit der Taschenlampe zu erkunden und – für ganz Mutige – ein Bad in der Lauter zu nehmen.

Beim Abendessen in der Burg Derneck, dem zweiten Nachtlager, wurde deutlich: Mit der Annäherung an den Ort Grafeneck tauchen auch Unsicherheiten und Ängste auf. Die Gruppe diskutierte, wie heute im Zusammenleben mit Menschen umgegangen wird, die nicht so fit und leistungsfähig sind – wo das Wort „Spast“ doch zu einer der häufigsten Beleidigungen der Jugendsprache gehört. Wo fängt Ausgrenzung und Vernichtung an, wo endet sie? Nachdenklich ging der Tag zu Ende.

Opfer bleiben im Gedächtnis lebendig

Mit dem Bus wurde das Ziel erreicht. Franka Rößner von der Gendenkstätte führte die Gruppe mit einem anschaulichen Vortrag in die Thematik ein. Und die Jugendlichen fanden ihren Theodor in der Ausstellung und im Namensbuch der Gedenkstätte wieder. Der junge Theodor Kynast wird stellvertretend für alle anderen Opfer im Gedächtnis der Jugendlichen bleiben. Und sicher auch der Stolz darauf, als eine der ganz wenigen Gruppen Grafeneck erwandert, statt als Durchreisende schnell abgehakt, zu haben.

Zu Fuß nach Grafeneck: Eine Wanderung zur Erinnerung an die Opfer der Euthanasie.

Zu Fuß nach Grafeneck: Eine Wanderung zur Erinnerung an die Opfer der Euthanasie.

Im Gepäck hatte jeder Teilnehmer ein Bild von Theodor Kynast, einem jungen Mann, der in Grafeneck ermordet wurde.

Im Gepäck hatte jeder Teilnehmer ein Bild von Theodor Kynast, einem jungen Mann, der in Grafeneck ermordet wurde.

Das Bild des jungen Theodor Kynast, der in Grafeneck ermordet worden war, wird den Jugendlichen im Gedächtnis bleiben.

Das Bild des jungen Theodor Kynast, der in Grafeneck ermordet worden war, wird den Jugendlichen im Gedächtnis bleiben.