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26.11.2015

"Inklusion beginnt im Herzen" – Fachtag widmet sich Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf


LIEBENAU – Welche Chancen auf Teilhabe und Inklusion haben Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf? Wie sieht die Lebenssituation solcher Personen mit herausforderndem Verhalten oder Mehrfachbehinderungen aus? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Vorträge, Diskussionen und Workshops bei einem gut besuchten Fachtag der St. Gallus-Hilfe der Stiftung Liebenau.

"Inklusionsunfähige Menschen gibt es nicht"

"Teilhabe ist eine zentrale Voraussetzung für das Menschsein", stellte Prof. Dr. Theo Klauß klar. Deshalb wurde Teilhabe in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen zum Menschenrecht erklärt. Und damit auch Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen selbstbestimmt teilhaben können, braucht es Inklusion. Aber gilt das wirklich für alle? Auch für Menschen mit erheblichen und oft mehrfachen körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, die auf regelmäßige Betreuung, medizinische Behandlung, womöglich sogar auf eine Ernährung per Sonde angewiesen sind, die sich selbst kaum oder gar nicht verbal ausdrücken können? Oder heißt es dann: "Mit euch doch nicht, oder?", wie Prof. Dr. Theo Klauß seinen Vortrag provokant überschrieben hatte, zugleich aber betonte: "Inklusionsunfähige Menschen gibt es nicht."

Teilhabe in allen Lebensbereichen

Aber was ist zu tun? "Die Behindertenrechtskonvention ist sozusagen ein Auftragsbuch", so Klauß. Demnach müsse die Chance auf Teilhabe überall geschaffen werden – angefangen von der Familie über Bildung, Wohnen, Freizeit, Gesundheitswesen bis hin auch zur Arbeit. Das Erleben von Produktivität, das soziale Zusammensein, der Spaß an Aktivität durch eine geeignete Beschäftigung seien wichtig: "Es gibt gute Beispiele dafür, dass und wie Menschen mit hohem Hilfebedarf Tätigkeiten nachgehen können, die ihnen diese Erfahrungen ermöglichen", so Klauß. Zudem müsse das Bewusstsein der gesamten Gesellschaft geschärft werden. Ein wichtiger Beitrag dazu seien vor allem Praxisbeispiele, die belegen: "Menschen können und wollen teilhaben."

Gegen ein Schwarz-Weiß-Denken

"Die Behindertenrechtskonvention ist ohne Zweifel ein großer Wurf, ein Ideal, ein Fixstern am Firmament der Menschen mit Behinderung und derer, die damit zu tun haben", erklärte Jörg Munk, Geschäftsführer der St. Gallus-Hilfe. Zugleich forderte er dazu auf, mit einem realitätsnahen Blick die Thematik anzugehen – gerade aus Sicht eines Trägers, der um die konkrete Lebenssituation dieser Menschen und auch um die Herausforderungen an ihre Angehörigen wisse. Deshalb sei in der Inklusionsdebatte ein Schwarz-Weiß-Denken nicht hilfreich, kritisierte er die "Sehnsucht nach einfachen Lösungen und Antworten". Es drohe dabei die Gefahr, "dass sich die Praxis der Behindertenhilfe in einer Ecke wiederfindet, die mir zumindest ein gewisses Ungemach bereitet".

Was es seiner Meinung nach braucht zur sozialen Teilhabe von Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf? Eine differenzierte Form von Assistenz, Begleitung und Aktivierung, begleitet von sozialstaatlichen Reformen – und eine Portion Mut. Jörg Munk: "Wir sollten wieder mehr Soziales unternehmen und mehr Teilhabe wagen!"

Über Grenzen und Entgrenzung

Über Grenzen und Entgrenzung bei der Arbeit mit Menschen mit Behinderung sprach Dr. Jan Glasenapp, Psychologischer Psychotherapeut aus Schwäbisch Gmünd. Es entstünden Barrieren, an die sowohl Fachkräfte als auch ihre Klienten stoßen. Und leider gebe es hier kein "Navi für Pädagogik". Bei Inklusion gehe es um das richtige Ausbalancieren verschiedener Spannungsfelder: zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen Beziehung und Struktur, zwischen Verstehen und Verändern.

"Inklusion: kein Ziel, sondern ein Wert"

"Die gute Botschaft ist: Alle Grenzen können überwunden werden." Dazu brauche es Kreativität und auch eine gewisse Freiheit, Verantwortung übernehmen zu dürfen: "Wir müssen Lösungen zulassen, die außerhalb dessen liegen, was wir uns bisher erarbeitet haben." Und auf die innere Haltung komme es an. Viele sagen: Inklusion beginnt im Kopf. Für Glasenapp steht jedoch fest: "Inklusion beginnt im Herzen." Auch sei sie kein erreichbarer Endzustand, kein Ziel, sondern etwas, was uns lebenslang begleite – als Prozess des Nachdenkens über die Sinnhaftigkeit von Grenzen: "Inklusion ist für mich kein Ziel, sondern ein Wert."

"Außergewöhnliches" Theater

Die "Außergewöhnlichen" der St. Gallus-Hilfe aus Rosenharz hielten dem Publikum einen Spiegel vor mit ihrem Theaterstück "Inklusion leicht gemacht". Die Theaterspieler gaben "Knigge-Tipps" mit auf den Weg. Aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung zeigten sie die Behandlung durch Menschen ohne Behinderung, etwa das Streicheln über die Wange, die Kommunikation per Babysprache, das ignorierte "Nein". Die Gruppe um Regisseur Holger Niegel erntete viel Applaus für ihr darstellendes Können.
Einige Szenen finden Sie als Video hier.

Die Fachtagsdokumentation finden Sie hier.

 


 

Kontakt:
Stiftung Liebenau
Abteilung Kommunikation und Marketing
Vera Ruppert, Pressearbeit
Siggenweilerstr. 11
88074 Meckenbeuren
Telefon 07542 10-1181
vera.ruppert@stiftung-liebenau.de

www.stiftung-liebenau.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unter sich oder unter uns? Mit der Inklusion von Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf beschäftigte sich ein gut besuchter Fachtag in Liebenau.

Die Fachtagsdokumentation finden Sie hier.

Die Besucher erwartete ein interessantes Programm.

Unter sich oder unter uns? Mit der Inklusion von Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf beschäftigte sich ein gut besuchter Fachtag in Liebenau.

"Wir sollten wieder mehr Soziales unternehmen und mehr Teilhabe wagen!" – Jörg Munk, Geschäftsführer der St. Gallus-Hilfe der Stiftung Liebenau und Gastgeber der Fachtagung, konnte zahlreiche Teilnehmer begrüßen.

Die Besucher erwartete ein interessantes Programm.

"Inklusionsunfähige Menschen gibt es nicht" – Prof. Dr. Theo Klauß, Professor für Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung i. R., sprach über die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention bei Personen mit hohem und komplexem Hilfebedarf.

"Wir sollten wieder mehr Soziales unternehmen und mehr Teilhabe wagen!" – Jörg Munk, Geschäftsführer der St. Gallus-Hilfe der Stiftung Liebenau und Gastgeber der Fachtagung, konnte zahlreiche Teilnehmer begrüßen.

Grenzen erkennen und überwinden, Barrieren abbauen: Der Psychologische Psychotherapeut Dr. Jan Glasenapp zeigte Wege auf, Lösungen zu finden und Inklusion zu verwirklichen.

"Inklusionsunfähige Menschen gibt es nicht" – Prof. Dr. Theo Klauß, Professor für Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung i. R., sprach über die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention bei Personen mit hohem und komplexem Hilfebedarf.

Durch den Fachtag führte Dr. Hans-Martin Brüll.

Grenzen erkennen und überwinden, Barrieren abbauen: Der Psychologische Psychotherapeut Dr. Jan Glasenapp zeigte Wege auf, Lösungen zu finden und Inklusion zu verwirklichen.

Einen Beitrag des Vaterunsers zur Inklusionsdebatte steuerte Prälat Michael H. F. Brock, Vorstand Stiftung Liebenau, bei.

Durch den Fachtag führte Dr. Hans-Martin Brüll.

"Die Außergewöhnlichen" zeigten mit Hilfe von Knigge-Tipps, wie Menschen mit Behinderung häufig behandelt werden. Das Publikum zollte viel Beifall.

Einen Beitrag des Vaterunsers zur Inklusionsdebatte steuerte Prälat Michael H. F. Brock, Vorstand Stiftung Liebenau, bei.

"Die Außergewöhnlichen" zeigten mit Hilfe von Knigge-Tipps, wie Menschen mit Behinderung häufig behandelt werden. Das Publikum zollte viel Beifall.“ Zum Video