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18.04.2016

"Einander verstehen lernen": Mehr Teilhabe durch gelingende Kommunikation

FRIEDRICHSHAFEN – Wutausbrüche, Aggressionen – Wenn Menschen mit Behinderung ein solches Verhalten zeigen, hat das nicht selten einen ganz einfachen Grund: Sie fühlen sich von ihrem Gegenüber nicht richtig verstanden. Wo verbale Sprache an ihre Grenzen kommt, kann "Unterstützte Kommunikation" helfen. "Einander verstehen lernen" – so lautete dann auch das Motto eines gut besuchten Fachtages der St. Gallus-Hilfe (Stiftung Liebenau) im Kulturhaus "Caserne" in Friedrichshafen.


Kommunikation als Schlüssel zur Teilhabe

"Als St. Gallus-Hilfe wollen wir einen tatkräftigen Beitrag leisten, damit Menschen mit Behinderung möglichst selbstbestimmt teilhaben können", sagte Geschäftsführer Jörg Munk in seiner Begrüßung. Ein elementarer Bestandteil des menschlichen Miteinanders – und damit der Teilhabe – sei die Kommunikation. "Nicht verstanden werden oder sich dem anderen nicht mitteilen zu können – das löst Unzufriedenheit, Frust, Verbitterung, Depression und Ärger aus, was sehr schnell auch in Wut, Zorn und Aggression umschlagen kann", betonte auch Markus Wursthorn (Geschäftsleitung St. Gallus-Hilfe), der als Moderator durch den Fachtag führte. Mittendrin zu sein – auch als Mensch mit Behinderung: Ebenso wie bei der St. Gallus-Hilfe sei dieses Thema auch im Bodenseekreis schon vor der Inklusionsdebatte auf die Agenda gebracht worden, erklärte Andreas Köster, Sozialbürgermeister der Stadt Friedrichshafen, in seinem Grußwort.

Hilfsmittel "Unterstützte Kommunikation"

Zu einer gelingenden Kommunikation beitragen kann die sogenannte "Unterstützte Kommunikation" (UK). Diese umfasst Hilfsmittel, Maßnahmen und Ansätze für Menschen, die sich nicht zufriedenstellend über die Lautsprache mitteilen können. Die St. Gallus-Hilfe hat dazu eigens eine entsprechende UK-Beratungsstelle eingerichtet und diesem Thema erneut einen Fachtag gewidmet. Mit Claudio Castaneda von der Lebenshilfe Köln stand dabei ein ausgewiesener Fachmann in Sachen Unterstützte Kommunikation auf der Bühne im Fallenbrunnen.

Menschen sind verschieden

Vorab warnte Claudio Castaneda davor, alle Autisten über einen Kamm zu scheren. Personen mit einer solchen Störung könnten völlig unterschiedlich sein – und zwar "nicht weil sie Autisten sind, sondern weil sie Menschen sind". Castaneda plädierte auch dafür, nicht alles durch die "Autismus-Brille" zu sehen und jede Handlungsweise auf diese Störung zurückzuführen. Oft sei ein Verhalten auch schlicht durch die Biografie des jeweiligen Menschen zu erklären, durch prägende Erfahrungen wie zum Beispiel eine seit frühester Kindheit fehlende Geborgenheit und Zuneigung. Sowieso lege man bei Autisten zu sehr den Fokus auf die Beschreibung des Verhaltens, dabei gehe es eher um die Denkweise dahinter, ihre Wahrnehmungsverarbeitung der Welt.

Vermittlung von Unterstützter Kommunikation (UK)

Welchen Beitrag kann die Unterstützte Kommunikation hier leisten? Castaneda zeigte, dass in der UK mit unterschiedlichsten Methoden und Symbolen gearbeitet werden kann. Abstrakte Symbole könnten zum Beispiel von Menschen mit Autismus genauso gut gelernt werden wie konkrete. Wer lernt, sie selbst einzusetzen, kann auch überfordernde Situationen durch die Kommunikation meistern. Werden bei der Umsetzung von UK die persönlichen Interessen, die eigene Bedeutsamkeit und die Motivation angesprochen, sei das Erlernen auch mit Spaß verbunden.

Zahlreiche Ansätze und Ideen

Eine seiner anschaulichen Ideen, die er mitbrachte, sind Erzählbücher. Menschen, die in ihrer Kommunikation beeinträchtigt sind, wenig kommunikative Erfahrung haben oder einen Mangel an Bildung besitzen, erlernen mit ihrer Hilfe das Erzählen von Geschichten. Kurze Sätze ergänzt mit einer Auswahl von reellen oder fantastischen Subjekten und Adjektiven in Symbolform helfen ihnen beim Aufbau. Im Video erzählte der lebhafte Timo mit Hilfe solch eines Buches fließend und freudestrahlend eine eigene Geschichte.

Weitere Fachtagungen geplant

Um Diskussionen anzustoßen, Fachwissen zu vermitteln und innovative Entwicklungen voranzutreiben, will die St. Gallus-Hilfe regelmäßig solche Veranstaltungen ausrichten. So kündigte Geschäftsführer Jörg Munk weitere Fachtagungen zu wichtigen Themen rund um die UN-Behindertenrechtskonvention an. Dass man sich diesmal den Fallenbrunnen in Friedrichshafen als Tagungsort ausgewählt habe, sei kein Zufall: "Das hier ist ja auch ein Ort, der sich wandelt, der neue Wege geht, an dem spannende Entwicklungen stattfinden", so Munk: "Und diese Symbolik passt recht gut zu den Entwicklungen innerhalb der Hilfen für Menschen mit Behinderung."

Die Dokumentation zur Fachtagung finden Sie hier.

 

Zur Person:

Claudio Castaneda ist Sozialpädagoge. Seit 1998 arbeitet er mit Menschen mit Autismus verschiedener Altersstufen. Seit 2001 ist er Mitarbeiter der Lebenshilfe Köln. Im Jahr 2004 begann er die UK-Beratung und Praxisbegleitung der Mitarbeiter der Lebenshilfe; seit 2007 hat er einen Unterrichtsauftrag UK an der Universität Köln. Für die Beratungsstelle UK & Autismus (BUKA) arbeitet er seit 2011.

Die überregionale Beratungsstelle der St. Gallus-Hilfe informiert und berät auch externe Einrichtungen zum Thema UK:

Elke Schätzle, UK-Fachberaterin (ISAAC)
Hegenberg 1
88074 Meckenbeuren
Telefon: 07542 10-2402
E-Mail: elke.schaetzle@st.gallus-hilfe.de

Flyer der UK Beratungsstelle zum Download.

 


 

Kontakt:
Stiftung Liebenau
Abteilung Kommunikation und Marketing
Vera Ruppert, Pressearbeit
Siggenweilerstr. 11
88074 Meckenbeuren
Telefon 07542 10-1181
vera.ruppert@stiftung-liebenau.de

www.stiftung-liebenau.de

 

 

Über 200 Fachkräfte interessierten sich für den Fachtag zur Unterstützten Kommunikation für Menschen mit Autismus im Kulturhaus Caserne in Friedrichshafen-Fallenbrunnen. (Weitere Bilder finden Sie in unserer Bildergalerie am Textende)


Impressionen vom Fachtag "Einander verstehen lernen"

  • Fachtag „Einander verstehen lernen“ im Kulturzentrum Caserne Friedrichshafen.

  • Anmeldung im Tagungsbüro.

  • Mit dem Talker in Kommunikation kommen.

  • Kaffee und Gebäck an der Theke im Kulturraum Casino.

  • „Hier gibt es Kaffee!“ – unterstützt kommunizieren mit dem step-by-step.

  • Die Teilnehmer kommen beim Begrüßungskaffee in Kontakt.

  • Thema „Unterstützte Kommunikation“ im Kulturraum Casino.

  • Verschiedene UK-Materialien.

  • Die UK-Materialien weckten großes Interesse.

  • Referent Claudio Castaneda (Mitte) mit Geschäftleiter Markus Wursthorn (re.) und UK-Fachberaterin Elke Schätzle (li.).

  • Das Vormittagsprogramm in Leichter Sprache.

  • Großes Interesse: Kurz vor Beginn ist der Tagungsraum schon gut gefüllt.

  • Auf der Suche nach den letzten freien Plätzen.

  • Geschäftsführer Jörg Munk begrüßt die 200 Teilnehmer zum Fachtag der St. Gallus-Hilfe.

  • Andreas Köster, Sozialbürgermeister der Stadt Friedrichshafen, heißt im Fallenbrunnen in Friedrichshafen willkommen.

  • Moderator Markus Wursthorn führt thematisch in die Unterstützte Kommunikation bei Autismus und herausforderndem Verhalten ein.

  • Erste Arbeitseinheit mit Claudio Castaneda: „Besonderheiten in der Kommunikation bei Menschen aus dem Autismus Spektrum“.

  • Zeit für Begegnung in der Pause.

  • Die Teilnehmer tauschen sich zu offenen Fragen aus.

  • Bei Sonnenschein und Kaffee kommt man in Kontakt.

  • Zweite Arbeitseinheit mit Claudio Castaneda: „Vermittlung von (Unterstützter) Kommunikation“.

  • Mittagessen im Restaurant Refugium.

  • Reichhaltiges Nachtischbuffet in der Mittagspause.

  • Dritte Arbeitseinheit: Claudio Castaneda erklärt die Alternativenübersicht/Konsequenzenpläne.

  • Kleingruppenarbeit zur Alternativenübersicht.

  • Kaffeepause vor der Ideenkiste „Erzählbücher“.

  • Mit dem Sitznachbarn wird ein Erzählbuch erarbeitet.

  • Geschäftsführer Jörg Munk und Moderator Markus Wursthorn danken dem Referenten mit „Grüßen aus Liebenau“.

  • Claudio Castaneda beantwortet die offenen Fragen in der Austausch- und Fragerunde.

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